22.Januar 2007 | Thema: Akupunktur & Kräuter | Schlagwörter: Akupunktur | Vorheriger Akupunktur & Kräuter-Beitrag: « Neuronen und Akupunktur - Teil 2 | Nächster Akupunktur & Kräuter-Beitrag: Schlafstörungen aus der Sicht der traditionellen chinesischen Medizin »
Welche Fragen? Die Forschungen im Bereich der chronischen Schmerzen.
Die Wahrnehmung von Schmerz an sich ist ein Warnsystem, ohne das wir
nicht überleben könnten.
Dank dieser Sinnesqualität entziehen wir uns gefährlichen Einwirkungen,
die sonst zu Verletzungen und Gewebeschädigungen führten.
Doch trifft das bei chronischen Schmerzen nicht mehr zu. Zwar werden
auch solche permanenten Schmerzzustände meistens durch konkrete
Schädigungen ausgelöst, doch steht ihre Stärke oft in keinem Verhältnis
zu den anfänglichen Ursachen. Sie können andauern, auch wenn das
auslösende Leiden längst behoben ist.
Chronische Schmerzen gelten heute zwar als eigenständiges
Krankheitsbild, doch durchlaufen viele Patienten mit chronischen
Schmerzen eine zermürbende Odyssee von Arzt zu Arzt, wenn man keinen
organischen Defekt findet.
Handelt es sich nicht um eingebildete Kranke?
Nein, den im Nervensystem sind plastische Veränderungen beteiligt.
Zumindest teilweise beruhen sie auf einer krankhaft veränderten neuronalen Signalübertragung, die Schmerzsignale verstärkt und verzerrt.
Diese Sensibilisierung wurde bisher vor allem auf der Ebene
der peripheren Schmerzrezeptoren und des Rückenmarks untersucht, doch
vermutet man entsprechende Vorgänge auch im Gehirn.
Wo entsteht die Sinneswahrnehmung Schmerz?
Die Sinneswahrnehmung Schmerz entsteht erst im Gehirn. Hier werden die
eintreffenden Signale bewertet - ein Vorgang, der je nach persönlicher
Lebenssituation und kulturellem Hintergrund sehr unterschiedlich
ausfallen kann.
Ein Spitzensportler, der unbedingt siegen will, ist eher in der Lage,
eine schmerzhafte Verletzung wegzustecken, als ein Mensch, der den
ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzt.
Was heisst „Schmerzgedächtnis“?
Bei der Chronifizierung wirken zumeist physische, psychische und
soziale Faktoren zusammen.
Unabhängig davon, ob ein Tumor oder eine
andere chronische Erkrankung die Pein verursacht, oder ob die Angst vor
Arbeitsplatzverlust die Rückenmuskulatur in schmerzhafte Dauerspannung
versetzt - chronischer Schmerz verändert das Zentralnervensystem auf
allen Ebenen, verändert Körper und Psyche.
Die Chronifizierung führt zur Ausbildung eines so genannten
"Schmerzgedächtnisses" - Gehirn und Nerven haben "gelernt", auf
Signale, selbst wenn diese schwach und von gesunden Menschen als nicht
schmerzhaft empfunden werden, besonders empfindlich und intensiv zu
reagieren.
Schleudertrauma-Patienten z. B. haben eine objektivierbar erhöhte
Schmerzempfindlichkeit nicht nur in der Halswirbelsäule, sondern auch
im Bein, wo keine Verletzung stattgefunden hat. Diese erhöhte
Schmerzempfindlichkeit könnte aber wieder abklingen, wenn das
Schmerzsignal aus dem verletzten Gewebe ausgeschaltet wird.
Was kann getan werden?
Wenn es also bleibende Spuren im Nervensystem sind, die vielen
chronischen Schmerzzuständen zugrunde liegen, sollte man deren
Entstehung wenn immer möglich von vornherein verhindern, indem man
starke akute Schmerzen konsequent mit Medikamenten bekämpft und ihre
Ursache so rasch wie möglich beseitigt.
Denn schon nach wenigen Monaten können sich die Schmerzen
verselbständigen. Wer meint, starke Schmerzen tapfer ertragen zu
müssen, liegt also falsch. In Fachkreisen gilt heute die ungenügende
Schmerzbehandlung schon fast als Kunstfehler.
Was aber ist zu tun, wenn sich die Schmerzen als unaufhaltsame Pein bereits verselbständigt haben?
Zwar lässt sich das Schmerzgedächtnis nur sehr schwer wieder löschen, doch ist man gegen diesen Zustand nicht völlig machtlos.
Moderne Therapiekonzepte beschränken sich nicht auf den Einsatz von
Medikamenten, sondern schliessen neben rein körperlichen Vorgängen auch
weitere Faktoren ein, die bei der Schmerzkrankheit eine wichtige Rolle
spielen können.
Dass zum Beispiel laut einer neueren Studie ältere Menschen besser mit
chronischen Schmerzen fertig werden als junge, deutet darauf hin, dass
die Lebenserfahrung und Lebenssituation - etwa weniger Stress in Beruf
und Familie - die Schmerzwahrnehmung beeinflussen.
Zudem werden Schmerzen je nach seelischem Zustand unterschiedlich
erlebt: Depressiv veranlagte und ängstliche Menschen leiden in
besonderem Masse, doch können chronische Schmerzen umgekehrt auch zu
Depressionen führen.