Neuronen und Akupunktur – Teil 3

Welche Fragen? Die Forschungen im Bereich der chronischen Schmerzen. Die Wahrnehmung von Schmerz  an sich ist ein Warnsystem, ohne das wir nicht überleben könnten.

Dank dieser Sinnesqualität entziehen wir uns gefährlichen Einwirkungen, die sonst zu Verletzungen und Gewebeschädigungen führten.

Doch trifft das bei chronischen Schmerzen nicht mehr zu. Zwar werden auch solche permanenten Schmerzzustände meistens durch konkrete Schädigungen ausgelöst, doch steht ihre Stärke oft in keinem Verhältnis zu den anfänglichen Ursachen. Sie können andauern, auch wenn das auslösende Leiden längst behoben ist.

Chronische Schmerzen gelten heute zwar als eigenständiges Krankheitsbild, doch durchlaufen viele Patienten mit chronischen Schmerzen eine zermürbende Odyssee von Arzt zu Arzt, wenn man keinen
organischen Defekt findet.

Handelt es sich nicht um eingebildete Kranke?

Nein, den im Nervensystem sind plastische Veränderungen beteiligt.

Zumindest teilweise beruhen sie auf einer krankhaft veränderten neuronalen Signalübertragung, die Schmerzsignale verstärkt und verzerrt.

Diese Sensibilisierung wurde bisher vor allem auf der Ebene der peripheren Schmerzrezeptoren und des Rückenmarks untersucht, doch vermutet man entsprechende Vorgänge auch im Gehirn.

Wo entsteht die Sinneswahrnehmung Schmerz?

Die Sinneswahrnehmung Schmerz entsteht erst im Gehirn. Hier werden die eintreffenden Signale bewertet – ein Vorgang, der je nach persönlicher Lebenssituation und kulturellem Hintergrund sehr unterschiedlich ausfallen kann.

Ein Spitzensportler, der unbedingt siegen will, ist eher in der Lage, eine schmerzhafte Verletzung wegzustecken, als ein Mensch, der den ganzen Tag vor dem Bildschirm sitzt.

Was heisst „Schmerzgedächtnis“?

Bei der Chronifizierung wirken zumeist physische, psychische und soziale Faktoren zusammen.

Unabhängig davon, ob ein Tumor oder eine andere chronische Erkrankung die Pein verursacht, oder ob die Angst vor Arbeitsplatzverlust die Rückenmuskulatur in schmerzhafte Dauerspannung
versetzt – chronischer Schmerz verändert das Zentralnervensystem auf allen Ebenen, verändert Körper und Psyche.

Die Chronifizierung führt zur Ausbildung eines so genannten “Schmerzgedächtnisses” – Gehirn und Nerven haben “gelernt”, auf Signale, selbst wenn diese schwach und von gesunden Menschen als nicht
schmerzhaft empfunden werden, besonders empfindlich und intensiv zu reagieren.

Schleudertrauma-Patienten z. B. haben eine objektivierbar erhöhte Schmerzempfindlichkeit nicht nur in der Halswirbelsäule, sondern auch im Bein, wo keine Verletzung stattgefunden hat. Diese erhöhte
Schmerzempfindlichkeit könnte aber wieder abklingen, wenn das Schmerzsignal aus dem verletzten Gewebe ausgeschaltet wird.

Was kann getan werden?

Wenn es also bleibende Spuren im Nervensystem sind, die vielen chronischen Schmerzzuständen zugrunde liegen, sollte man deren Entstehung wenn immer möglich von vornherein verhindern, indem man
starke akute Schmerzen konsequent mit Medikamenten bekämpft und ihre Ursache so rasch wie möglich beseitigt.

Denn schon nach wenigen Monaten können sich die Schmerzen verselbständigen. Wer meint, starke Schmerzen tapfer ertragen zu müssen, liegt also falsch. In Fachkreisen gilt heute die ungenügende
Schmerzbehandlung schon fast als Kunstfehler.

Was aber ist zu tun, wenn sich die Schmerzen als unaufhaltsame Pein bereits verselbständigt haben?

Zwar lässt sich das Schmerzgedächtnis nur sehr schwer wieder löschen, doch ist man gegen diesen Zustand nicht völlig machtlos.

Moderne Therapiekonzepte beschränken sich nicht auf den Einsatz von Medikamenten, sondern schliessen neben rein körperlichen Vorgängen auch weitere Faktoren ein, die bei der Schmerzkrankheit eine wichtige Rolle spielen können.

Dass zum Beispiel laut einer neueren Studie ältere Menschen besser mit chronischen Schmerzen fertig werden als junge, deutet darauf hin, dass die Lebenserfahrung und Lebenssituation – etwa weniger Stress in Beruf und Familie – die Schmerzwahrnehmung beeinflussen.

Zudem werden Schmerzen je nach seelischem Zustand unterschiedlich erlebt: Depressiv veranlagte und ängstliche Menschen leiden in besonderem Masse, doch können chronische Schmerzen umgekehrt auch zu Depressionen führen.